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Im beschaulichen Jetzendorf, nördlich von München, gründete Lorenz Wagner, der Sohn des Schuhmachers Johann Wagner, im Jahr 1923 die Firma LOWA.
Er verbrachte Tage und Monate mit der Ausarbeitung von Leisten, Modellen und Sohlen. Seine Arbeit legte die Basis für die zukünftigen Erfolge des Unternehmens.
Doch die mittlerweile 100-jährige Firmengeschichte war nicht nur von rosigen Zeiten geprägt. Insbesondere in den 1950er Jahren hatte LOWA mit großen Herausforderungen zu kämpfen, die Sepp und Berti Lederer, Lorenz Wagners Tochter, aber erfolgreich meisterten.
Eine neue Ära begann schließlich in den frühen 1990er Jahren. Sie läutete die Zeitenwende ein und machte LOWA zu dem, was die Firma heute ist: einer der bedeutendsten Outdoor-Schuhhersteller weltweit.
WIE ALLES BEGANN
ES WAREN EINMAL DREI BRÜDER
Kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte: Lorenz, Hans und Adolf Wagner lebten vor mehr als hundert Jahren in der bayerischen Gemeinde Jetzendorf an der Ilm. Sie erlernten das Schuster-Handwerk von ihrem Vater und schrieben danach Alpinschuh-Geschichte: Als Gründer der Marken LOWA, Hanwag und Hochland.
AUFTAKT MIT MUSIK
Der Vater der drei Wagner Brüder, Johann, war Schuhmacher und Musiker. Er spielte in der ersten Jetzendorfer Musikkapelle, gegründet von seinem Bruder Josef Wagner im Jahr 1850. Johanns Söhne Lorenz, Hans und Adolf waren ebenfalls musikalisch und bald mit von der Partie. Und so spielte die Wagnerische Kapelle auf – je nach Anlass schwungvolle Volksmusik oder getragene Kirchenmusik. Nach seinem Onkel und seinem Vetter übernahm schließlich Lorenz Wagner die Leitung des Ensembles.
Lorenz beschrieb später, wie er sich mit der Musik die Grundlagen für den Aufbau seiner Schusterwerkstatt schuf:
„Es war damals so Brauch, dass ein Landschuster auch gleichzeitig Musiker war. Ich spielte bei Hochzeiten und sonstigen Anlässen und verdiente mir eine hübsche Summe Geld und erwarb mir zunächst die aller notwendigsten Maschinen."
— Lorenz Wagner | LOWA
IM UMKREIS VON 10 KILOMETERN
Der Bedarf an Schuhen war groß in den 1920er Jahren, denn sie waren das wichtigste Fortbewegungsmittel. Die Menschen im ländlichen wie im urbanen Raum waren in erster Linie auf „Schusters Rappen" unterwegs. Lorenz’ Brüder ließen sich als selbstständige Schuhmacher nieder. Hans Wagner ging nach Vierkirchen, sein Bruder Adolf nach Weichs, beide Orte liegen etwa 10 Kilometer von Jetzendorf entfernt. Die Musikkapelle löste sich auf und die Geschichte der drei Schuhmarken begann.
Die heutige Marke Hanwag wurde bereits 1921 gegründet. Hans Wagner lieferte Schuhe für eine Münchner Firma und produzierte bald eigene Bund- und Haferlschuhe. Er vergrößerte seinen Betrieb ständig und vermarktete seine Schuhe ab 1952 unter dem Namen Hanwag. In den ersten 83 Jahren blieb die Fabrik im Familienbesitz, auf den Firmengründer folgte sein Neffe Josef Wagner, so dass Hanwag in dieser Zeit nur zwei Firmenchefs hatte. Seit dem Jahr 2004 gehört das Unternehmen zu Fenix Outdoor AB. Die „Bruderfirma" ist LOWA bis heute in freundschaftlicher Konkurrenz verbunden.
Adolf Wagner, der jüngste der drei Brüder, heiratete 1923 nach Weichs, übernahm die dortige Schuhreparaturwerkstätte und entwickelte sie in zehn Jahren zu einer Schuhfabrik mit 30 Beschäftigten. Unter dem Kürzel „A.W." waren seine Berg- und Skischuhe sehr erfolgreich. Ebenso wie seine Brüder produzierte er in der Kriegszeit Gebirgsjägerstiefel. In der Nachkriegszeit gelang der Neuanfang unter dem Markennamen Hochland. Tochter Emma übernahm 1955 zusammen mit ihrem Mann den Betrieb, der in den 1950er und 1960er Jahren weltweit bekannt war. Mitte der 1970er Jahre wurde die Schuhfabrik an die Firma Romika verpachtet, die dort hochwertige Wanderschuhe produzierte. Der Konkurrenzdruck war jedoch zu groß und 1981 musste die Fabrik endgültig schließen.
DIE „ILMTALER SPORTSCHUHFABRIK"
Die Parallelen zu den Geschichten seiner Brüder sind nicht zu übersehen: Lorenz Wagner, geboren 1893, übernahm als ältester Sohn 1922 das Anwesen seiner Eltern in Jetzendorf. Dazu gehörte etwas Grund und die Landschusterei seines Vaters Johann. Lorenz hatte große Pläne: Er wollte zusammen mit seiner Frau Therese die „kleinbäuerliche Schusterwerkstatt" zu einem richtigen „Betrieb" ausbauen. Also erwarb er erste Maschinen und gründete 1923 sein eigenes Unternehmen, das damals noch nicht LOWA hieß. Wahrscheinlich führte er es zunächst einfach unter seinem Namen, in den 1930er Jahren taucht die Firma als „Ilmtaler Sportschuhfabrik" in Dokumenten auf. Erfolg stellte sich ein: 1925 beschäftigte Lorenz Wagner zwei männliche Arbeiter über 16 Jahren, 1930 waren es dann bereits sieben Mitarbeitende – sechs Männer und eine Frau. Die Räumlichkeiten wurden zu eng. Es entstand das erste Fabrikgebäude, 15 mal 6 Meter groß.
Ab Februar 1930 arbeitete ein tüchtiger Lehrling namens Josef Lederer im Betrieb mit. Er erzählte später:
„Im Dachgeschoss waren die Schuhmacher untergebracht, auch ich war als Lehrling dabei. Verpflegt wurden alle – auch die, die im Ort wohnten – im Hause. Das Essen war Bestandteil des Lohnes. Als Lehrling musste man Lehrgeld bezahlen – dafür durfte ich meiner späteren Frau die Schuhe putzen."
— Sepp Lederer | LOWA
Ob er es damals schon ahnte? Nach dem Ende seiner Lehrzeit verließ Josef Lederer LOWA, kehrte aber über 15 Jahre später zurück und heiratete Berti Wagner, die Tochter des Firmengründers.
In der LOWA-Anfangszeit wurden in erster Linie Haferlschuhe aus Leder herstellt. Bald jedoch entstanden in der Manufaktur auch „Sportschuhe", also Berg- und Skistiefel. Diese waren ebenfalls aus Leder. In den „goldenen Zwanzigerjahren" erlebte der Alpinsport einen Aufschwung, davon profitierten Schuhmacher wie Lorenz, Hans und Adolf Wagner.